Millennial in Therapy Podcast

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Für die Generation, die gelernt hat zurückzuspulen, aber nicht abzuschalten.

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Sabrina Lettieri
Heilpraktikerin der Psychotherapie und Kunsttherapeutin Sabrina Lettieri zu Gast bei Millennial in Therapy
Blogeintrag zu Folge 1 "Das Problem mit der Nostalgie"

Nostalgie, Leichtigkeit und die Sehnsucht nach dem Menschlichen

Es gibt Momente, in denen ein Lied, ein Geruch oder ein Ort plötzlich eine Tür öffnet. Für einen kurzen
Augenblick stehen wir wieder in einer Zeit, in der das Leben leichter schien. Wir nennen dieses Gefühl
Nostalgie – eine Mischung aus Wärme, Sehnsucht und leiser Wehmut.

Doch wie sollten wir Nostalgie verstehen?
Ist sie eine Ressource – oder ein Rückzug aus der Gegenwart?

In einer Zeit, die von Geschwindigkeit, Vergleich und Leistungsdruck geprägt ist, scheint Nostalgie
häufiger aufzutauchen. Viele Menschen haben das Gefühl, etwas verloren zu haben: die kindliche
Leichtigkeit, ein Gefühl von Geborgenheit, vielleicht auch die Selbstverständlichkeit von Nähe und
Verbundenheit.

Doch vielleicht vermissen wir gar nicht nur die Vergangenheit selbst- wegen der Personen, die uns
begleitet haben. Vielleicht vermissen wir vor allem das Gefühl, das wir mit ihr und diesen Personen oder
Erlebnissen verbinden. Die Geborgenheit, die Wärme, die Verbindung.

Als Kinder begegnen wir der Welt mit Neugier statt mit Bewertung. Wir tanzen im Regen, ohne darüber
nachzudenken, ob es sinnvoll ist. Wir strecken die Zunge in den ersten Schneefall, weil der Moment uns
ruft. Die Vernunft spielt noch keine Hauptrolle. Das Leben wird erlebt, nicht analysiert und in Schubladen
kategorisiert.

Mit dem Erwachsenwerden verändert sich diese Perspektive. Vernunft wird zum Maßstab. Sie hilft uns,
Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und komplexe Zusammenhänge zu
verstehen. Doch manchmal hat diese Vernunft auch eine Nebenwirkung: Sie macht das Leben
erklärbar – aber nicht unbedingt leichter.

Vielleicht liegt genau hier eine Spannung unserer Zeit.

Wir wissen heute mehr über die Welt als jede Generation zuvor. Wir sehen Krisen, Ungleichheiten,
Konflikte und Zukunftsängste in Echtzeit. Gleichzeitig vergleichen wir uns ständig mit anderen.In sozialen Räumen wird Erfolg sichtbar, während Scheitern oft verborgen bleibt. In diesem Klima entsteht leicht ein
Gefühl von Druck – und manchmal auch von Härte gegenüber sich selbst.

Wenn etwas misslingt, sind wir oft die ersten, die sich selbst verurteilen.

Dabei wäre vielleicht etwas anderes hilfreicher: Selbstmitgefühl.

Selbstmitgefühl bedeutet nicht Nachsicht im Sinne der Gleichgültigkeit. Es bedeutet, sich selbst mit
derselben Freundlichkeit zu begegnen, die wir einem guten Freund entgegenbringen würden. Es
bedeutet anzuerkennen, dass Fehler, Unsicherheit und Verletzlichkeit zum Menschsein gehören.

Und genau hier berührt das Thema Nostalgie etwas Tieferes.

Denn die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten ist häufig auch eine Sehnsucht nach einem Umfeld, in dem wir uns sicherer fühlten. Nach Momenten, in denen wir weniger bewertet wurden – von anderen
und von uns selbst.

Vielleicht erinnert Nostalgie uns daran, dass Menschen nicht nur Leistung brauchen, sondern auch
Verbundenheit.

Demut kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Nicht im Sinne der Selbstabwertung. Als Einsicht, dass
niemand über den Fehlern des Lebens steht. Im Spanischen gibt es einen bildlichen Spruch dazu:
„Spuck nicht nach oben – die Spucke kommt zurück.“ Er erinnert daran, dass jeder Mensch verletzlich ist
und dass Situationen, über die wir urteilen, auch uns selbst widerfahren könnten.

Wenn wir uns das bewusst machen, entsteht Raum für Mitgefühl – mit anderen und mit uns selbst.
Eine liebevollere Umgebung beginnt oft im Inneren.
Wer sich selbst mit Nachsicht begegnet, wird auch anderen eher mit Nachsicht begegnen.
Vielleicht ist Nostalgie deshalb nicht nur ein Blick zurück. Vielleicht ist sie auch eine Erinnerung daran,
was wir im Hier und Jetzt wieder mehr zulassen könnten: Leichtigkeit, Spiel, Nähe.
Es braucht manchmal die Erlaubnis, unvernünftig zu sein.
Nicht jede Freude muss logisch sein. Nicht jeder Moment muss produktiv sein. Manche Erfahrungen sind
wertvoll, gerade weil sie zweckfrei sind – weil sie uns wieder mit einem Gefühl von Lebendigkeit
verbinden.
Im Regen zu tanzen.
Den ersten Schnee auf der Zunge zu spüren.
Zu lachen, ohne zu erklären warum.
Vielleicht ist das kein Rückschritt in die Kindheit.
Vielleicht ist es eine Rückkehr zu einem Teil von uns, der nie ganz verschwunden ist, aber vielleicht etwas
verschüttet liegt. Wenn du dir erlaubst du selbst zu sein, entdeckst du vielleicht die Leichtigkeit und Freude wieder, nach der du dich sehnst.

Sabrina Lettieri
Heilpraktikerin für Psychotherapie und Kunsttherapeutin M.A